Das Arbeitsgedächtnis (working memory)

Als Arbeitsgedächtnis bezeichnet Allan Baddeley (1986) das komplexe kurzzeitige Speicher- und Verarbeitungssystem der menschlichen Wahrnehmung.
Früher wurde dieses System Kurzzeitgedächtnis genannt. Dieser Begriff betont jedoch zu wenig seine informationsverarbeitende Funktion.

Das Arbeitsgedächtnis dient zur Zwischenspeicherung und Verarbeitung von Wahrnehmungs-Elementen und deren Eingliederung in bestehende „Vorstellungsbilder“.

Link zu Gedächtnistests aus Neuroscience for Kids (in Englischer Sprache).

Die Anwendung von Mikrostrategien für diese Zwischenspeicherung ist eine wesentliche Teilaufgabe der Wahrnehmung, die nach den Untersuchungen mit dem Lernprogramm Klein Adlerauge bei normaler Entwicklung individuelle Teilleistungsschwächen verursachen.

Nach Baddeley werden die verschiedenen Teilsysteme des Arbeitsgedächtnisses von einer Zentralen Steuerung (Central Executive) aus koordiniert. Diese steuert die Auswahl und Vorbearbeitung eingehender Informationen, z.B. durch Zuteilung von „Aufmerksamkeit“ und Verarbeitungsstrategien (=Mikrostrategien). Insbesondere koordiniert sie den Einsatz der 3 Hauptsysteme.

Dies sind:

- Die artikulatorische Rückkoppelungsschleife (phonlogical loop), bestehend aus dem phonologischen (=auditiven) Speicher und einer innersprachlichen Wiederholungsschleife (Beispiel: kurzzeitiges Merken einer Telephonnummer)

- Der visuell-räumliche Skizzenblock (visuospatial sketchpad) dient dem Abgleichen einer visuellen Objektwahrnehmung mit gespeicherten Bildern (ganzheitlich) und/oder dem Einfügen von Teilwahrnehmungen in die visuelle Objektwahrnehmung, resp. der analytischen Ueberprüfung ganzheitlicher Wahrnehmungen. (siehe analytische und ganzheitliche visuelle Wahrnehmung)

- Der Ereignisspeicher (episodic buffer) der sich auf visuelle Veränderungen (= z.B. Bewegungen, Lesevorgang) oder längere auditive Abläufe (Melodien, Sprachmelodie) bezieht.

- Ordnungsschwelle: Die zum Trennen einzelner Elemente, zB. Phoneme erforderliche Zeit (um sicher sagen zu können, was zuerst kam): Normal in den ersten Schuljahren ca 100 ms, für Legastheniker ca 200 ms.

Mayr und Kliegel (1993) postulieren, dass unterschiedlichen Leistungen auf die sequentielle und koordinative Komplexität zurückzuführen sind. Koordinative Komplexität bedeutet, dass die Aufgabe nicht durch unabhängige Teilschritte bearbeitet werden kann.
Dies bedeutet m.E., dass es sich um Aufgaben handelt, bei denen vorwiegend ganzheitliche Wahrnehmung verlangt wird (z.B. Worterkennung, weil das Buchstabieren für ein fliessendes Lesen viel zu lange dauern würde).
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Hans-Werner Hunziker; 29. 10.2004

Weitere Informationen im Buch Im Auge des Lesers (2006)

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